Exkursion nach Wittenberge

30.09.19 von Andreas Otto

Anlass war das Projekt "Summer of Pioneers".

20 Kreative aus der Digitalbranche wurden dazu eingeladen, vom 01. Juli bis zum 31. Dezember das Leben in Wittenberge zu testen. Die Stadt stellt ihnen günstigen Wohnraum zur Verfügung und kostenfreie Räumlichkeiten in der ehemaligen Ölmühle zum gemeinsamen Arbeiten.

In der Ölmühle wurde bis zum Ende der DDR Rohöl aus Rüben, Lein und Raps produziert. Dem Gründer des Unternehmens verdankt Wittenberge seinen guten Bahnanschluss. Sowohl nach Berlin als auch nach Hamburg kommt man mit der Bahn in einer Stunde. Heute sind auf dem Gelände ein Hotel, eine Brauerei und diverse Freizeitangebote untergebracht sowie die als Coworking Space angebotenen Büroräume.

Wenn in Berlin Wohnungen und preiswerte Büroräume knapp werden und es gegen die Ansiedlung von Google-Campus in Kreuzberg Protest gibt, dann ist Brandenburg vielleicht eine gute Alternative. Wittenberge hat rund 17.000 Einwohner. Es gibt ein Kino und ein Schwimmbad, jede Menge Sportvereine, eine ganze Reihe Sehenswürdigkeiten und außerdem die Flusslandschaft der Elbe und ihrer Auen, ein durch die UNESCO geschützes Biosphärenreservat.

Wittenberge ist aber auch als Beispiel für einen ganz schwierigen Transformationsprozess nach 1990 legendär. Massenweise Abwanderung, industrieller Niedergang und der Verfall von Häusern, ja ganzen Straßenzügen ging durch die Medien. Mit dem Leiter des Bauamts, Herr Hahn und dem Bürgermeister Dr. Herrmann, habe ich verschiedene Gebiete besichtigt und mir ein Bild machen können, wie Wittenberge heute dasteht.

Es gab 60 Bewerbungen auf das kurzfristig bekannt gemachte Angebot, das Leben in Wittenberge einmal auszuprobieren. 23 Teilnehmer_innen sind seit Anfang Juli dabei und bis jetzt denkt keiner von ihnen daran aufzuhören. Die Teilnehmer_innen, mit denen ich ins Gespräch komme, berichten übereinstimmend von den Vorteilen des Lebens in Wittenberge: kurze Wege, direkter Kontakt zu Stadtverwaltung und viele Möglichkeiten, etwas zu gestalten. Auf diese Weise bekommt die Stadt etwas zurück für das Angebot an kostenlosem Arbeitsräumen.

In dem Projekt geht es auch darum, herauszufinden, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit die Leute in der Stadt bleiben. Die entscheidende Erkenntnis hier ist, niemand zieht allein nach Wittenberge, nur um hier zu arbeiten. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe und deren Lebensstil ist wichtig. Die Digitalarbeiter brauchen nicht nur schnelles Internet, sondern auch ein Umfeld, mit dem sie sich identifizieren können. Genügend Platz und Möglichkeiten dafür sind da. Im Moment laufen Anträge,das Projekt um ein halbes Jahr zu verlängern. Am Ende soll es sich selbst tragen.

Coworking-Space in der ehemaligen Ölmühle

Wittenberges Bürgermeister Dr. Herrmann

Sehr viele der hübschen Gründerzeithäuser in Wittenberge stehen leer.
Die Stadt sichert sie und hofft auf Leute, die hier sanieren wollen und können.

Besichtigung des Veritas-Geländes.
Hier arbeiteten bis 1990 über 3000 Menschen, heute sind es ca.300.

Frank Heinke, der Vorsitzende der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen in Wittenberge,
berichtete über die alltäglichen umweltpolitischen Konflikte, zum Beispiel wenn es um Baumschutz geht.

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