Nachhaltiges Bauen in Berlin

17.03.20 von Andreas Otto

Nachhaltiges Bauen ist für mich ein entscheidender Beitrag zum Klimaschutz, zum sparsamen Umgang mit natürlichen Ressourcen und für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft. Dass wir als Bündnisgrüne mit dieser Überzeugung nicht allein stehen, sondern die Berliner Fachwelt es mit der Nachhaltigkeit ernst meint, zeigte die Beteiligung von über 80 Interessierten an unserem Fachgespräch im Abgeordnetenhaus am 11. März 2020.

Nachhaltigkeit wurde aus ganz verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Eike Roswag-Klinge sprach darüber, was in Architektur und Bauwesen heute gerade nicht nachhaltig ist. Der erste Schritt ist, weniger Fehler zu machen. Er empfiehlt, natürliche Baustoffe und insbesondere Holz großflächig in Berlin einzusetzen. Die Konstruktionen sollen einfach sein und nicht zu viel Haustechnik benötigen.

Stefan Tidow erläuterte, dass der Senat mit der Verwaltungsvorschrift Beschaffung und Umwelt für die Landesverwaltung bereits Vorgaben gemacht hat, die natürliche Materialien präferieren und den Kreislaufgedanken in jegliche Planung einbringen. Jedes Bauteil muss am Lebensende eines Gebäudes wiederverwendbar oder mindestens wiederverwertbar sein. Mittels einer Lebenszyklusbetrachtung für alle neuen Gebäude sollen auch die Kosten von Anfang bis Ende kalkuliert werden. Das Werkzeug dafür ist die Zertifizierung nach dem Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen. Weil der Senat über den eigenen Gebäudebestand hinaus denkt, ist eine Beratungsstelle nachhaltiges Bauen geplant. Dort sollen private Bauherren informiert werden, wie energiesparend und ressourcenschonend geplant und gebaut wird.

Jörn Oltmann berichtete aus seiner Praxis in Tempelhof-Schöneberg. Neue Quartiere ganzheitlich zu entwickeln unter Aspekten von Mobilität, Energie und dabei so viele natürliche Materialien einsetzen, wie möglich. Sein „Fliegendes Klassenzimmer“, eine Holzschule für den temporären Einsatz soll demnächst auch zwei- und dreigeschossig in allen Bezirken errichtet werden. Außerdem plant er ein Verwaltungsgebäude in Holz. Das kann nicht nur Vorbild für die Bezirksämter werden, sondern auch für private Büroimmobilien.

Die größten Investitionen im Baubereich leistet aktuell die Wohnungsbranche. Stefan Schautes von der HOWOGE zeigte Beispiele aus der Praxis dieses landeseigenen Unternehmens. Mit den CO2-neutralen Punkthäusern an der Sewanstraße in Lichtenberg und drei Holzhybridgebäuden in der Newtonstraße in Adlershof hat die HOWOGE demonstriert, dass Nachhaltigkeit auch im sozialen Wohnungsbau funktioniert. Damit diese Modellprojekte keine Eintagsfliegen bleiben, muss jedoch die Kalkulation für solche Vorhaben geändert werden. Die anfänglichen Mehrkosten für Naturmaterialien und einen ambitionierten Energiestandard müssen durch entsprechende Mieten und öffentliche Förderung gedeckt werden. Rechnen werden sie sich, aber eben erst auf längere Sicht.

Die Sicht der Architektenschaft auf nachhaltiges Bauen trug Julia Dahlhaus in die Diskussion. Sie betonte, dass es vor allem um Qualität der Entwürfe, der Materialien und der Bauausführung gehen muss. Daran mangelt es zu oft, weil billig gebaut würde. Berlin errichtet die Sanierungsfälle von morgen und leider nicht die Leuchttürme. In Pilotprojekten soll geklärt werden, welche Vorschriften sinnvoll und welche überflüssig sind. Der Wettbewerb um die besten Projekte braucht einen Raum. Dafür schlägt sie ein Wohnungsbaukollegium vor, in dem die besten Projekte diskutiert und zur Nachahmung empfohlen werden.

Die anschließende Diskussion mit dem Publikum zeigte, wie breit das Themenspektrum gespannt werden muss, wenn die Stadt nachhaltig entwickelt werden soll. Als besonders wichtige Punkte wurden benannt: Nistmöglichkeiten für Vögel an Gebäuden, kleinteilige Parzellierung der Flurstücke bei neuen Stadtquartieren, weniger Versiegelung durch mehr Hochhäuser, Verringerung des Wohnflächenverbrauchs durch Clusterwohnungen, Notwendigkeit von Bebauungsplänen im Ostteil der Stadt um den Wildwuchs (§34 BauGB) einzudämmen, Anpassung der Quartiere an den Klimawandel durch mehr Begrünung und sparsamen Umgang mit Regenwasser.

Das Fachgespräch hat gezeigt, wie viel wir in Berlin noch tun müssen, um die Stadt nachhaltig ökologisch zu entwickeln. Aber gleichzeitig waren so viele Ideen und Hoffnungen im Raum, die Mut machen für die Zukunft.

Podium: Julia Dahlhaus, Vorsitzende BDA Berlin e.V. Prof. Eike Roswag-Klinge, TU Berlin, Natural Building Lab Jörn Oltmann, Bezirksstadtrat für Bauen und Stadtentwicklung in Tempelhof-Schöneberg Stefan Tidow, Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr, Klimaschutz Stefan Schautes, Prokurist HOWOGE

 

  

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Baupolitik Holzbau Klimaschutz